Mord und Wohlgefühl: Warum Fernsehkrimis so erfolgreich sind

Die Lust am Mord ist ungebrochen. An einem durchschnittlichen Fernsehtag sind im deutschsprachigen Fernsehen bis zu 50 Krimis zu sehen. Und die Toten machen Quoten. Aber warum eigentlich? Warum genügen uns die Leichen nicht, welche die «Tagesschau» täglich serviert? Sind wir süchtig nach Gewalt? Eher das Gegenteil. Krimis leben paradoxerweise von der Sehnsucht nach der Idylle. Und Kommissare sind die Priester einer gottlosen Gesellschaft. Aber der Reihe nach.

Die Sendung «Aktenzeichen XY» wird heute 50 Jahre alt: Am 20. Oktober 1967 hat Eduard Zimmermann zum ersten Mal das Fernsehpublikum um Mithilfe bei der Aufklärung von realen Verbrechen gebeten. Auch 50 Jahre später macht die Sendung immer noch gute Quoten. Ich bin diese Woche von verschiedenen Medien gefragt worden, warum das so ist. (Zum Beispiel hier: Radio SRF)

Ja: Warum ist das so? Warum setzen sich Millionen von Menschen einmal im Monat vor den Fernseher und schauen sich schlecht nachgespielte Szenen von realen Verbrechen an? Wobei: Aktenzeichen XY ist ja eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Im Fernsehen wird jeden Tag gemordet was das Zeug hält. Täglich türmen sich die Leichen und Fernsehkommissare ermitteln. Warum nur tun wir uns die Toten an?

Tatort Fernsehen

Heute Abend zum Beispiel haben Sie nur schon um 20’15 Uhr die Wahl zwischen der Krimiserie «Ein Fall für zwei» auf ZDF und ORF, «Law & Order: Special Victims Unit» auf Vox und «Navy CIS» auf Kabel 1. Für den ganzen Tag weist das Fernsehprogramm von Teleboy[1] für heute Freitag 50 (!) Ausstrahlungen von Krimiserien aus. Darunter viele amerikanische Serien wie «Mentalist», «Castle», «Elementary», «Bones» oder «Monk» und natürlich die erwähnten «Navy CIS» und «Law & Order», aber auch deutsche Produktionen wie «Soko Leipzig», «Der Ermittler» oder «Heldt».

Auch auf SRF wird mit schöner Regelmässigkeit gemordet. Die Krimiwoche beginnt jeweils am Sonntagabend mit dem «Tatort», am Dienstag folgt der Dienstags-Krimi, derzeit ist das «Der Kriminalist». Dazu kommen eine ganze Reihe von Krimis auf SRF Zwei. Überhaupt sitzt man, was Morde angeht, bei öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern definitiv in der ersten Reihe. Die ARD setzt mit dem «Tatort» auf den Sonntagskrimi, dazu kommen Serien wie das «Großstadtrevier», «Polizeiruf 110», «Hubert und Staller» oder «Mordkommission Istanbul».[2] Das ZDF setzt auf die «Soko»-Reihe mit Regionalkrimis aus Kitzbühl, Köln, Leipzig, München, Stuttgart und Wismar. Dazu kommen ZDF-Krimiserien wie «Kommissar Beck», «Die Rosenheim-Cops», «Heldt», «Notruf Hafenkante», «Kommissarin Heller», «Arne Dahl», «Der Kriminalist» und viele andere.[3] Das Handelsblatt warnte deshalb kürzlich vor der Krimi-Flut im Fernsehen.[4] Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil die öffentlich-rechtlichen Sender sich gegenseitig das Wasser abgraben.

Mischung aus «Emil und die Detektive» und Stephen King

Doch die Bedenken sind nicht begründet. Der «Tatort» aus Münster stellte im April dieses Jahres sogar fast einen neuen Zuschauerrekord auf: 14,56 Millionen Zuschauer sahen den Münsteraner Ermittlern Thiel und Boerne bei der Arbeit zu. Besser schnitt nur eine legendäre «Tatort»-Folge mit Manfred Krug und Charles Brauer im Juli 1992 ab: Damals sahen 15,86 Millionen Zuschauer zu.[5] Warum nur wollen so viele Menschen Leichen sehen? Genügt ihnen das Grauen in den Nachrichten nicht?

Der Erfolg von «Aktenzeichen XY» lässt sich am einfachsten an zwei Büchern erklären: «Aktenzeichen XY» lebt von einer Mischung aus Erich Kästners «Emil und die Detektive» und einem Roman von Stepehn King, wie zum Beispiel «Es». Stephen King steht für das Grauen im Alltag. Der Grundgedanke: Mein Nachbar könnte ein Mörder sein. Hinter jeder noch so bürgerlichen Tür könnte sich ein Abgrund öffnen. Die linkische Art der Inszenierungen in «Aktenzeichen XY» verstärkt diesen Eindruck noch und sendet wohlige Schauer über die Rücken der Zuschauer, die wohlbehütet zu Hause in ihren Fernsehstühlen sitzen. Das «Emil und die Detektive»-Moment der Sendung ist das Gefühl, dass die ehrlichen Zuschauer den Halunken schnappen können, wenn sie nur zusammenstehen. Dieses Gefühl macht das Grauen erträglich.

Ein Krimi ist der Hamburger der Literatur

«Aktenzeichen XY» kann man noch mit einer gewissen Nützlichkeit rechtfertigen. Aber warum sind die vielen Krimis im Fernsehen (und im Buchhandel) so erfolgreich? Ich sehe dafür drei Gründe. Zunächst ist ein Krimi eine wohlgeordnete Form. Am Anfang steht der Mord, dann kommt der Kommissar (oder die Kommissarin), es kommt vielleicht zu etwas Verwirrung, aber am Schluss sitzt der Böse hinter Schloss und Riegel und der Zuschauer kann mit dem Kommissar nach Hause zurückkehren wie weiland Kommissar Maigret zu seiner Frau. Krimis schaffen also in einer chaotischen Welt Ordnung und Übersichtlichkeit. Der Zuschauer oder Leser muss sich nicht auf ein Lektüre- oder Seherlebnis mit ungewissem Ausgang einlassen. Da hat es Zug, Struktur und Ordnung drin. Krimis verhalten sich deshalb zu Kunst wie Hamburger zu gutem Essen. Auch wenn ein Spitzenkoch einen Hamburger zubereitet und er hervorragend schmeckt, ist es ein Esserlebnis mit klar vorhersehbarem Ablauf – und Ausgang.

Der zweite Grund ist unser aller Sehnsucht nach Idylle. Gerade die Regionalkrimis leben davon. Wenn Guido Brunetti in Venedig einen Mord aufzuklären hat, wird die Idylle Venedig erst durch den Mord so richtig erlebbar. Gegenüber der «Zeit» erklärte der Österreichische Krimischriftsteller Wolfgang Haas: Gerade durch die kriminelle Störung wirkt die Welt eigentlich intakt und abgegrenzt.[6] Man könnte also sagen: Die Sucht nach Verbrechen entspringt der Sehnsucht nach Idylle.

Kommissare sind die Priester einer gottlosen Gesellschaft

Der dritte Grund ist die Sehnsucht nach Gott und Religion. Jeder Krimi stellt eine moralische Frage. Zum Beispiel passiert ein Mord. Anders als in der realen Welt, die wir jeden Tag in der «Tagesschau» sehen, wird aber jeder Mord in einem Krimi gesühnt: Am Schluss ist der Täter hinter Gittern oder tot. Die ordnende Macht im Krimi ist der Kommissar. Eigentlich ist er wie wir. Er hat Schwächen, brüllt mal rum (Schimanski), liebt seine Kinder (Guido Brunetti) oder er isst gerne (Bruno le Policier). Anders als wir, darf er jedem Fragen stellen, Leute verhaften und Verkehrsregeln verletzen. Am Ende weiss der Kommissar alles, kann die Ordnung wiederherstellen und die Tat sühnen. Der Kommissar sorgt dafür, dass die Gebote durchgesetzt werden. Er ist der Hüter der Moral.

In einer Gesellschaft, die von Gott meist nichts mehr wissen will, spielt der Kommissar also die Rolle, die früher der Priester spielte. Er sorgt nicht einfach für Recht und Ordnung, er sorgt dafür, dass die Moral in die Welt zurückkehrt. So gesehen sind die hohen Einschaltquoten der Fernsehkrimis das Gegenstück zu den tiefen Besucherzahlen in den Gottesdiensten. Der Fernsehkrimi rückt die Dinge wieder ins Lot und sorgt dafür, dass die Schweiz, dass Deutschland friedlich schlafen kann. So ist es vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet der Sonntag der Tatort-Tag ist.

Basel, 20. Oktober 2017, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

[1] Vgl. https://www.teleboy.ch/programm/sparten/23/thriller-series?date=2017-10-20

[2] Vgl. http://mediathek.daserste.de/Krimis/mehr?documentId=29151052

[3] Vgl. https://www.zdf.de/krimi

[4] Vgl. http://www.handelsblatt.com/panorama/tv-film/krimis-im-fernsehen-die-groesste-gefahr-fuers-erfolgsrezept/12278742-3.html

[5] Vgl. http://meedia.de/2017/04/03/1456-mio-tatort-zuschauer-thiel-und-boerne-holen-beste-tatort-quote-seit-fast-25-jahren/

[6] Vgl. http://www.zeit.de/2015/12/wolf-haas-autor-krimi-boom/komplettansicht

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Ein Kommentar zu Mord und Wohlgefühl: Warum Fernsehkrimis so erfolgreich sind

  1. Ueli Keller sagt:

    Die Hyper-Produktion und der exzessive Konsum von Krimis scheinen mir eine mehr oder minder gelungene Inszenierung und Konkretisierung von Gewaltphantasien, wie sie sich in der Tat alltäglich und omnipräsent als Mobbing, sowie mitunter auch als mehr oder weniger brutale Gewalttätigkeiten manifestieren. Was in der Alltagsrealität oft irrational, sinnlos und nicht erklärbar scheint, kann in Krimis als nachvollziehbar dargestellt, und zudem psychohygienisch wirksam einem sogenannt gerechten Ende zugeführt werden. Damit ist die Welt kosmetisch und virtuell in Ordnung gebracht, und in Bezug auf reale Missstände besteht kein Handlungsbedarf.

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