An Stelle einer 1. August-Ansprache: Heimat – eine Utopie

Publiziert am 29. Juli 2016 von Matthias Zehnder

Heimat hat wieder Hochkonjunktur. Das ist am 1. August nicht einfach logisch, sondern Ausdruck einer Blickrichtung: Die Schweiz schaut wieder vermehrt zurück und sehnt sich nach einer intakteren Welt. Das muss nicht sein. Heimat liesse sich auch anders verstehen, nicht als vergangenheitsorientiertes Wohlfühlkonzept, sondern als Bringschuld.

Nächsten Montag stehen sie nach dem Auftritt der Trachtengruppe und vor dem Feuerwerk wieder im ganzen Land auf improvisierten Podien und Podesten und reden zu Frauen und Mannen: die 1. Augustrednerinnen und –redner. Die einen werden die Ärmel hochgekrempelt haben und sich kämpferisch geben, die anderen die Aufgabe eher widerwillig übernehmen und sie trocken ausführen. So oder so wird ein Wort dabei besonders häufig fallen: Das Wort «Heimat».

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Nächsten Montag stehen sie nach dem Auftritt der Trachtengruppe und vor dem Feuerwerk wieder im ganzen Land auf improvisierten Podien und Podesten und reden zu Frauen und Mannen: die 1. Augustrednerinnen und –redner. Die einen werden die Ärmel hochgekrempelt haben und sich kämpferisch geben, die anderen die Aufgabe eher widerwillig übernehmen und sie trocken ausführen. So oder so wird ein Wort dabei besonders häufig fallen: Das Wort «Heimat».

Google bietet mit Google Trends die Möglichkeit an, die Häufigkeit von Suchanfragen zu untersuchen. Die Suchkurve, die zu Heimat gehört, erinnert an eine Börsenkurve. In der Schweiz wurde im Dezember 2004 besonders häufig nach Heimat gesucht. Ihren Tiefpunkt erreichte die Suchhäufigkeit im Juli 2007. Seither nimmt die Suche nach Heimat wieder stark zu und ist heute wieder auf dem Niveau von 2004 angelangt.

Dabei ist höchst unklar, was Heimat ist. Erklärungsversuche pflegen mit für mich ist zu beginnen. Das zeigt, dass da etwas mit einem selbst in Beziehung gebracht wird. Ausser natürlich bei der Zigarettenmarke Heimat, deren Glimmstängel laut Eigenwerbung nichts als Schweizer Tabak und reines Schweizer Wasser enthalten. Hier gibt es Heimat in zwei Varianten: süsslich mild als Heimat hell und erdig authentisch als Heimat dunkel. Wenn es so einfach wäre.

Am 1. August werden die einen den Verlust der Heimat beklagen, die anderen die Heimat beschwören. Gemeint ist in beiden Fällen etwas, das in der Vergangenheit liegt. Denn Heimat hat in unseren Ohren etwas Behagliches: da komme ich her, da gehöre ich dazu, ohne selbst viel unternehmen zu müssen. Man wählt sich die Heimat nicht aus, sagte Max Frisch in seiner berühmten Rede Die Schweiz als Heimat? Man wählt sich Heimat nicht aus, weil Heimat die Umgebung ist, in die man hineingewachsen ist, mit der man verwachsen ist.

Das heisst aber natürlich auch, dass die Schweiz nicht Heimat sein kann, sondern nur das Quartier, allenfalls die Gemeinde, die Region, eine Handvoll Menschen, ein Dialekt, vielleicht ein bestimmtes Gericht, ein Geruch. Das, was sich mit Schweizerfahnen bekränzt als Heimat ausgibt, bedient sich nur dieses Wohlgefühls, das uns zu Hause befällt. Denn das ist wohl das wesentliche: Heimat als Gefühl, dazuzugehören.

Genau dieses Gefühl ist in Gefahr, wenn die Welt sich verändert. Die simplen Veränderungen sind die sichtbaren: Ein Hochhaus da, wo vorher die alte Beiz stand, ein Designerhotel an Stelle der Bank. Und natürlich fremde Menschen. Überhaupt das Fremde. Es ist das Gegenteil dieser Heimat als Wohlgefühl. Wenn die Heimat plötzlich fremd wird, macht das vielen Menschen Angst. Max Frisch sagt: Der primitive Ausdruck solcher Angst, man könnte im eigenen Nest der Fremde sein, ist die Xenophobie, die so gern mit Patriotismus verwechselt wird.

Verständlich, sagen Sie? Vielleicht. Xenophobie, wörtlich also die Fremdenangst, ist die logische Kehrseite der Heimatliebe – wenn Heimat als Daheimsein verstanden wird, also als das positive Gefühl, das eine Gewohnheit hinterlässt, also als Wohlgefühl dank Vergangenheit. Diesem Heimatbegriff ist jede Änderung ein Gräuel. Allerdings sind es nicht die Fremden, die Zuwanderer, welche die Schweiz in den letzten Jahren so stark verändert haben. Es waren die Digitalisierung und damit die dramatischen Veränderungen der Arbeitswelt, der Aufstieg der Mittelschicht (also das Geld) und die Internationalisierung des Handels. Verglichen mit den Auswirkungen dieser drei Faktoren ist die Veränderung, die eine Moschee im Quartier bringt, geradezu lächerlich.

Wie hat die Schweiz darauf reagiert? Sie hat den Bau von Minaretten verboten. Zum Schutz der Heimat.

Die Schweiz kann als Ganzes nicht Heimat sein. Es gibt nicht die Schweizer Landschaft, nicht einmal die Schweizer Sprache, die Kultur oder die Religion. Wenn es etwas gibt, das die Schweiz ausmacht, dann sind es ihre Institutionen, ihre Abläufe, schwierige Aspekte wie Föderalismus und Subsidiaritätsprinzip, unsere Freiheiten. Doch diese Dinge eignen sich nicht für emotionale Höhenflüge. Ein Gemeinderat so wenig wie ein Gericht und die Freiheit schon gar nicht. Denn die ist gerade da wesentlich, wo einer aus der Reihe tanzt. Gefeiert wird aber in geschlossenen Reihen. Das emotionale Wir stellt sich nur ein, wenn alle im selben Rhythmus schunkeln. Nein, das, was die Schweiz wirklich ausmacht, sind rationale Aspekte. Und Heimat ist ein Gefühl, kein Gedanke.

Bleibt es also dabei? Wer Heimat will, ist logischerweise gegen Fremdes (und Fremde)? Ist Heimat wirklich nur ein Gefühl der Behaglichkeit, auf das eine Schweizerin, ein Schweizer ein Recht hat? Berechtigt der rote Pass zu einem bestimmten Mass von Wohlgefühl? Ist Heimat etwas, das wir einfordern dürfen?

Ich meine nein. Heimat darf nicht einfach Holprinzip sein, ein emotionaler Selbstbedienungsladen, in dem jede Störung vermieden wird, auf dass des Schweizers Seligkeit sich einstelle. Heimat sollte umgekehrt als Verpflichtung verstanden werden.

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Statt dass ich Heimat (also: Behaglichkeit) einfordere, sollte ich versuchen, meinen Mitmenschen so viel Heimat wie möglich zu vermitteln. Heimat als Bringschuld, gewissermassen. Diese Form der Heimat wäre nicht vergangenheitsorientiert, sondern zukunftsgerichtet. Heimat ist nicht das, wo wir uns wohlfühlen, weil es immer schon so war, sondern das, worauf wir hinarbeiten, weil wir uns alle wohlfühlen wollen. Heimat wäre dann nicht abhängig vom Pass, sondern von Toleranz und Zuneigung. Heimat wäre nicht primär eine egoistische Dimension, auf die ich Anrecht habe, es wäre eine Verpflichtung, auf die ich mich für andere einlasse. Es wäre Heimat nicht aus der Sicht des Gastes, der am Schluss eine Rechnung zahlt und darauf pochen kann, dass seine Heimat ihren Franken wert ist, es wäre Heimat aus der Sicht des Gastgebers, der andern Heimat beschert. Nur dass wir alle Gastgeber wären, egal ob Schweizer oder Syrer, Zürcher oder Berner, Baselstädter oder Baselbieter.

Heimat also als Utopie.

Ich kann mir Heimat nur so vorstellen. Man wählt sich die Heimat nicht aus, sagte Max Frisch. Vielleicht eben doch, wenn wir Heimat nicht als Vergangenheit, sondern als Zukunft verstehen und zwar nicht primär als eigene Zukunft, sondern (auch) als Zukunft der anderen.

Das wäre für mich Heimat hell.

Am 1. August…

7 Kommentare zu "An Stelle einer 1. August-Ansprache: Heimat – eine Utopie"

  1. „Wer Heimat will, ist logischerweise gegen Fremdes (und Fremde)? Ist Heimat wirklich nur ein Gefühl der Behaglichkeit, auf das eine Schweizerin, ein Schweizer ein Recht hat? Berechtigt der rote Pass zu einem bestimmten Mass von Wohlgefühl?“
    ……Solange Fremdes und Eigenes in Balance bleibt, ist der „Eigene-Scholle-Verbundene“ niemals gegen Fremdes. Wird es aber allmählich zu Eng auf dem Flecken Erden, der zufälligerweise Schweiz heisst und in dem zufälligerweise Schweizer geboren wurde, beginnen die meisten Bewohner zu picken und zu gackern. Das ist ähnlich wie im Hühnerstall. Überfüllt man den Stall, beginnt sich Unruhe und Reiberei breitzumachen. Ein ganz natürlicher Vorgang.
    Schauen wir also, dass sich Eigenes und Fremdes die Waage halten. In der Schweiz gut abgebildet in der Parteienlandschaft. Auch diese muss sich in Waage halten, auch wenn gewisse Ansichten den eigenen widerstreben, können wir uns glücklich schätzen, dass dies bei uns so ist; dass wir selbstbestimmt Wählen können, dass wir die Eigenständigkeit wahren, oder – wenn wir in die nahe Zukunft blicken – dass keine fremden Richter je über das richtern können, was unsere Vorfahren und wir in langer, engagierter Arbeit aufbauten.
    Wobei ich gerne hinzufüge, dass genau dies für mich Heimat, für mich Schweiz ist. Unser Land ist keine tumbe, homogene, riesige, angsteinflössende Masse, es besteht aus lateinischen Bewohner, aus allemannisch Geprägten, aus romanischen Mitbürgern, welche alle auch noch eine andere Sprache sprechen. Eine Vielseitigkeit. Zusammengehalten von dem Willen zur Freiheit, zur Neutralität, zur Eigenständigkeit und zur Abwehr von fremder Einmischung.
    Stammt und tönt und scheint bedroht wie in Gesslers Zeiten; mit Blick auf die EU und die Globalisierung leider immernoch aktueller denn je – Werte, die in Gefahr sind, an denen gesägt wird, sei´s mit dem grossen Fuchsschwanz der EU oder – was noch betrüblicher ist – teils von Kreisen der eigenen Bevölkerung und deren Leichtfertigkeit.
    Ja – Stärke braucht Herkunft, Kraft liegt in den Wurzeln – darum ist es gar nicht so schlecht, sich dem Ursprung zu besinnen. Und – seien wir ehrlich – ein Italiener bleibt immer ein Italiener, auch wenn er schon -zig Jahre im Nachbarland lebt. Ein Spanier bleibt immer ein Spanier. Ein Grieche (erst recht) immer ein Grieche. Ein Afrikaner trägt seine Heimat immer im Herzen. Warum darf denn bloss, ohne angezweifelt und als intellektueller Tiefflieger eingestuft zu werden, ein Schweizer eigentlich nie ein Schweizer sein?

  2. Danke für diesen Kommentar, Matthias Zehnder. Es tut gut, zu wissen, dass auch andere mit Kopf, Herz, Händen und Füssen ähnlich unterwegs sind. „Heimat ist nicht das, wo wir uns wohlfühlen, weil es immer schon so war, sondern das, worauf wir hinarbeiten, weil wir uns alle wohlfühlen wollen.“ ist für mein Denken und Handeln ein Kernsatz. Wenn es in der Welt mehrheitlich so weitergeht, dass Ausgrenzen, Gier, Hass, Konkurrenz, Lügen, Materialismus und Selbstbezogenheit den Ton angeben, wird es keine Heimat für niemand geben. Vielleicht wird die Menschheit mehrheitlich draufgehen, bevor die Generation, die das, was an Achtsamkeit, Altruismus, Kooperation und Selbstlosigkeit menschlich möglich, und für ein mehrheitliches Überleben nötig wäre, gezeugt ist.

  3. Wenn von Ursprung die Rede ist,dann sind auch viele in der Schweiz wohnend die von Ursprung andere Wurzeln haben,aus einem anderen Land kommen.Und gar EuropäerInnen sind.Unter Umstände ihre Wurzeln wieder bevorzugen weil sie nicht so Fuss gefasst haben,wie es eigentlich sein sollte.Die ursprüngliche Schweizer-und Schweizerinnen haben die Gewohnheit eine/die Persönlichkeit über einen guten und gut bezahlten Beruf zu definieren und in dieser Gemeinschaft zu bleiben.Sie begegnen einander auf die gewünschte Augenhöhe.Die Möglichkeiten sind dann entsprechend gross.Bei den anderen ist dann bewusst und unbewusst ein Defizit zu ertragen.Das ist eine Langstrecke des Lebens bis zum Tod.Fällt Frau/Man(n) aus dieser Marschroute heraus trotz Bemühens der sogenannte fremde Seite,so erhält dies mit der Zeit ein anderes Profil und Antwort auf die Frage,ob die Schweiz eine Heimat ist,geworden ist, ja oder nein.Denn die eigene Fähigkeiten und den Selbstwert sind es und können oft das Manko der fehlende Integration durch die Schweiz/SchweizerInnen für uns sogenannte Fremde,das Leben einigermassen in Balance halten.Auch wenn wir Ideen lieferten,so gewinnen unserein meistens nicht.Auch hier, vieles lief verkehrt,was nicht gemacht wurde.Zukunftsorientiert? Was also dürfen wir noch gemeinsam tun,ohne ins Abseits zu stehen?Meinerseits sind die soziale Aufgaben gemacht,gibt es noch anderes zu tun?

  4. Die Digitalisierung und die Internationalisierung des Handels haben sicher zur Veränderung beigetragen. Ganz klar aber auch die Einwanderung, oder um es allgemeiner zu formulieren, die Globalisierung, die mit der Einwanderung sowie der Internationalisierung des Handels einhergeht.

    Diese Veränderungen haben Positives wie Negatives. Es ist bis zu einem gewissen Grad subjektiv, in wiefern sie positiv, oder negativ ist. Leute, die mehr Negatives sehen, werden leider verteufelt. Dies giesst nur Öl ins Feuer der bereits aufgeheizten Debatte.

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