…ein guter Vater sein dagegen sehr

Väter haben es in unserer Gesellschaft schwer. Denn Kinderbetreuung gilt in der Schweiz nach wie vor als Frauensache. Das ist nicht zuletzt eine Folge der mangelnden Gleichstellung von Mann und Frau. Es ist deshalb Zeit, dass die Männer die Forderung nach Gleichstellung nicht als Angriff, sondern als Chance empfinden – und sie auch ergreifen. Im Namen der Väter.

Alexander Spoerl waren Babys suspekt. Zu Beginn werde sein Sohn nichts anderes sein, als ein schreiendes Verdauungssystem in rosa Fleischverpackung, das – wie ich zuverlässig von einem Freund weiss – alle vier Stunden oben aufgefüllt werden muss, weil es am anderen Ende undicht ist, ähnlich einem Blumentopf. So beschreibt es Spoerl jedenfalls im Roman Memoiren eines mittelmässigen Schülers.[1] Heute wissen Väter mehr. Oder sie wüssten mehr. Denn viele behandeln ihre Kinder immer noch wie undichte Blumentöpfe.

Daran sind wir Männer selber schuld. Ein Mann hat stark zu sein, seine Familie zu ernähren und im Notfall Feinde zu erschlagen – von Zärtlichkeit für Babys war nie die Rede. Ein echter Mann ist vielleicht abends Vater und am Wochenende. Quality Time heisst das. Männer haben Muskeln, Männer sind furchtbar stark, singt Herbert Grönemeyer, Männer baggern wie blöde und: Männer weinen heimlich.[2]

Mann will ein guter Vater sein

Immer mehr Männer möchten heute anders. Sie möchten präsente Väter sein und die Kinder nicht nur aus dem Fotostream auf iPhoto kennen – doch das ist schneller gesagt als getan. Denn Kinder gelten in der Schweiz als Privatangelegenheit. Wirtschaft und Gesellschaft foutieren sich darum. Die Folge: Neun von zehn Vätern sagen, sie würden gerne weniger arbeiten, um mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können – aber nur einer von zehn Vätern ist in der Lage, diesen Wunsch auch wirklich umzusetzen.[3] Mit anderen Worten: acht von zehn Vätern in der Schweiz sind mit ihrer Arbeitssituation nicht zufrieden.

Eine Reduktion des Arbeitspensums ist in der Schweiz immer noch in vielen Berufen nicht möglich – oder ökonomisch für die Familien nicht verkraftbar. Viele Männer arbeiten also 100 Prozent, leisten gleichzeitig aber immer mehr Familien- und Hausarbeit. Weil die Belastung an der Arbeitsstelle gross bleibt, setzt das Männer immer stärker unter Druck. Mann will schliesslich im Job und zu Hause «gut» sein.

Kein Vaterschaftsurlaub in der Schweiz

Der Konflikt zwischen Arbeitswelt und Vaterschaft setzt schon mit der Geburt des Kindes ein. Die Schweiz ist neben der Türkei und den USA das einzige OECD-Land, das keinen gesetzlich geregelten Vaterschaftsurlaub kennt. Das bedeutet: Wenn ein Mann umzieht, hat er mehr Urlaub zugute (1 Tag), als wenn er Vater wird (0 Tage). Der Verein «Vaterschaftsurlaub jetzt!» hat im Mai 2016 die Volksinitiative Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub – zum Nutzen der ganzen Familie lanciert. Die Initiative fordert 20 Tage bezahlten Vaterschaftsurlaub, flexibel zu beziehen innert einem Jahr nach der Geburt. Die Initiative ist am 2. August 2017 mit 107’075 gültigen Unterschriften zustande gekommen.[4]

Warum ist eine solche Initiative überhaupt nötig? Warum preist die Schweiz die skandinavischen Länder etwa in Sachen Bildung als Vorbild, schert sich aber nicht um die Rahmenbedingungen, welche die Länder anbieten? Finnland zum Beispiel, das mit guten Resultaten im Pisa-Test die Schweiz beeindruckt, gewährt Vätern neun Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub. Was hindert die Schweiz daran, gleichzuziehen?

In der Eigenverantwortung der Familien

Zum letzten Mal hat der Nationalrat am 27. April 2015 über den Vaterschaftsurlaub gesprochen. Anlass war eine parlamentarische Initiative von CVP-Nationalrat Martin Candinas (GR). Er forderte zwei Wochen bezahlten Urlaub für Väter nach der Geburt eines Kindes. Der Nationalrat lehnte den Vorstoss jedoch mit 97 zu 90 Stimmen bei fünf Enthaltungen ab. Kommissionssprecherin Regine Sauter (FDP/ZH) sprach von einer teuren Geste, die wir uns nicht leisten können. Es liege in der Eigenverantwortung der Familien, sich zu organisieren.[5]

Die Eigenverantwortung der Familien – da haben wir es wieder: Kinder bleiben Privatangelegenheit. Aber warum beharren die Schweizer so darauf? Experten führen eine erschütternde Ursache an: Hauptgrund seien die stark geschlechterspezifisch gebliebenen Vorstellungen von Elternschaft. Die Regelung des Vaterschaftsurlaubs fordert das in der Schweiz vorherrschende Mutterschaftsideal heraus, in dem die Hauptzuständigkeit der Mutter für die Kinder gesetzt ist, während der Vater für das Familieneinkommen besorgt ist, schreibt der zweite MenCare-Report Schweiz.[6]

Das Problem ist in unseren Köpfen

Das würde bedeuten: Das Problem ist nicht die Wirtschaft oder die Politik, das Problem ist unser aller Elternbild, das immer noch mehr einem Gemälde von Albert Anker als einem modernen Familienbild entspricht: Mütter kümmern sich treusorgend um die Kinder, die Väter bringen das Geld nach Hause. Björn Süfke, Psychotherapeut aus Bielefeld, der seit 19 Jahren therapeutisch und beraterisch mit Männern arbeitet, bestätigt diese Sicht.[7] In Deutschland und in der Schweiz seien die traditionellen Männer- und Frauenrollen immer noch sehr stark zementiert. In seinem Buch «Männer. Erfindet. Euch. Neu.»[8] hat Süfke das Gesetz der Traditionellen Männlichkeit in Worte beziehungsweise Paragraphen gefasst. Das liest sich erst Mal ganz lustig – doch das Lachen bleibt einem rasch im Hals stecken, weil man realisiert: Die Gesetze gelten tatsächlich.

Die Folge: Männer und Frauen, die von typischen Rollenbildern abweichen, lösen immer noch hochgezogene Augenbrauen aus. Sie glauben mir nicht? Nun denn: Wie reagieren Sie, wenn Sie einen Sanitär rufen, weil ein Wasserhahn tropft, und es klingelt nicht der wohlbeleibte Sanitärmeister an der Tür, sondern eine junge Frau mit Schraubenschlüssel und Kopftuch? Wie häufig passiert es weiblichen Chefs immer noch, dass sie am Telefon gefragt werden, ob der Chef zu sprechen sei? Warum frappiert uns das Bild eines Vaters, der seiner kleinen Tochter hilft, die Nägel zu lackieren, immer noch?[9] Männer werden in unserer Gesellschaft erst als Väter wirklich akzeptiert sein, wenn wir beiden Geschlechtern alle Rollen zutrauen.

Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es

Die Realität ist davon leider noch weit entfernt. Noch immer ist es viel eher akzeptiert, dass ein Mann am Morgen zu spät zur Arbeit kommt, weil er sein Auto in die Garage bringen musste, als wenn er sein Kind in den Kindergarten brachte. Ein Hangover im Büro nach einer Party ist verzeihlich – ein Hangover nach durchwachter Nacht am Kinderbett ist Zeichen von Organisationsschwäche. Nein, wir machen es unseren Vätern nicht einfach.

Aber was können wir tun? Die Initiative für den Vaterschaftsurlaub ist wichtig. Sie werde ein wichtiges Zeichen setzen und etwas in Gang bringen, hofft Markus Theunert, Leiter des nationalen Programms MenCare Schweiz. Doch es wird noch Jahre dauern, bis die Initiative zur Abstimmung kommt. Was können wir bis dahin tun? Björn Süfke sagt: Die Gefühle, die wir beim Anblick des zärtlichen Vaters oder der Klempnerin haben, sind unmittelbar. Die können wir nicht so einfach ändern. Was wir aber ändern können, sind unser Denken und unser Handeln. Dieser Text sei ein kleiner Beitrag in diese Richtung.

Basel, 8. September 2017, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

[1] Alexander Spoerl: Memoiren eines mittelmässigen Schülers. München, Piper Verlag 1950, S. 9

[2] Herbert Grönemeyer: Männer http://www.songtexte.com/songtext/herbert-gronemeyer/manner-3bdcf498.html

[3] Vgl. Diana Baumgarten, Andreas Borter: Vaterland Schweiz. MenCare Schweiz-Report Vol. 1. Burgdorf/Zürich, Schweizerisches Institut für Männer- und Geschlechterfragen SIMG 2016, S. 37; http://www.mencare.swiss/sites/default/files/160523_bericht_web.pdf

[4] Vgl. https://www.admin.ch/opc/de/federal-gazette/2017/5473.pdf

[5] Vgl. https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20140415 – /AffairSummary

[6] Vgl. Diana Baumgarten, Andreas Borter: Vaterschaftsurlaub. MenCare Schweiz-Report Vol. 2. Burgdorf/Zürich, Schweizerisches Institut für Männer- und Geschlechterfragen SIMG 2017, S. 16f.

[7] Vgl. http://www.maenner-therapie.de/

[8] Björn Süfke, Männer. Erfindet. Euch. Neu. Was es heute heisst, ein Mann zu sein. Mosaik, München 2016; S. 63ff.

[9] Gesehen in der Fotoausstellung Väter. Eine gesellschaftliche Rolle im Wandel. Portraits von Schweizer Vätern des Schwedischen Fotografen Johan Bävman. 7.- 9. September im Kulturzentrum Guggenheim, Liestal; 23. Oktober bis 11. November in der Offenen Kirche Elisabethen, Basel. Siehe https://www.vaeter-ausstellung.ch/

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2 Kommentare zu …ein guter Vater sein dagegen sehr

  1. Thomas Zweidler sagt:

    In der Schweiz Kinder aufzuziehen, wird immer schwerer. Weniger Platz, alles verbaut, rühriger Einfamilienhäuser müssen Platz machen für Renditewohnblöcke. (50 neue Beispiele monatlich nur in Baselland zu sichten). Anstatt Baumhäuser fensterlose Hobbyräume im 2 UG. Anstatt echten Wildwuchs gehätschelte Pseudorenaturierungen. Und anstatt in die (abgesteckten) Schweizer Raumplanungs-„Grünzonen“ (Wald, Wiesen etc.) springen zu können, müssen Kinder in Urbanen- und Agglo-Räumen zuerst 2 Strassenunterführungen, 2 Bahnüberführungen queren, um dann nach 100 Metern der Schallschutzmauer entlang über den Fuss-Rad-Mix-Weg die erste Pusteblume zu erspähen. Ja – das ist die Realität heute in der Schweiz. Und es wird immer noch enger, obwohl die Presse jubelt, die Einwanderung ginge massiv zurück. Anstatt 80´000 plus waren es zwischen Januar und Juni 2017 netto nur noch 15’000 Personen aus Europa. (Aussereuropäische- und Asyl-Zuwanderung wurde elegant weggelassen). Trotzdem, +15´000 heisst auch viele neue Wagen auf unseren Strassen, viele neue Wohnungen wenn nicht gar Häuser (Euro-Einwanderer sind mehrheitlich anspruchsvoll und finanzstarke CH-Preistreiber) etc, etc. Dies alles merkt man als „Normalo“ kaum; merken tun es vor allem die Schwächsten: Einkommensschwache Wohnungssuchende, schlecht gebildete Mitmenschen, die auf einfache Jobs angewiesen sind, die Kinder (wobei wir wieder beim Thema sind), die Tiere, die Natur, Fauna und Flora, welche keine Steuererträge generieren und lobbylos sind.
    Merken tun es aber auch die Immobilenbesitzer. Nicht der kleine, ehrliche. Die grossen Haie mit -zig Immobilien und Wohnungen. Sie lachen sich satt, können sie doch noch jedes so finstere „Loch“ zu Höchstpreisen vermieten. Eine Mansarde (ohne eigenes WC) ist in Basel unter 500 Fr. nicht mehr zu finden. Wo soll der einfache (z.B. Bündner) Chemiebüezer, den es wegen seinem Job nach Basel zog, unter der Woche seine Bleibe haben? Hausbesitzer – meist stramme FDP-Anhänger höhnen über unseren Dichtestress, dem sie dank sattem Geldbeutel übers Wochenende locker entfliehen können in Form eines Fischer-Weekends in Irland, eines Wein-Weekend in Spanien usw… Genau die FDP – welche auch gegen den Vaterschaftsurlaub von mickrigen 2 Wochen ist… Aussagen wie „ich kann ja nicht die Brust geben, mich braucht es nicht Zuhause“ sind traurige Zeugen davon….
    Darum bin ich in der Schweiz für eine neue Partei-Strömung. Es gibt sie noch nicht. Inländer schützen, auch in Form von Härte gegenüber Ein- und Zuwanderung, welche enorme Probleme bringt, die keiner wahrhaben will; aber gleichwohl auch sozial gegenüber der inländischen Arbeitnehmerschaft, welches sich z.B. über einen anständigen Vaterschaftsurlaub zu zeigen hätte. Könnte man diese Partei sozial-national nennen? Von SP bis SVP das beste rauspicken. Da es sie noch nicht gibt, müsste man sie erfinden!
    Nach soviel inländischem Verdruss und Ungereimtem: Auch über den Vaterschaftsurlab lässt sich spassen. Was sagten die zwei Altmeister „Giacobo/Müller“ doch letzthin dazu: „Also 2 Wochen sind das Minimum. Bis die vom Vater gefilmte Geburt am Videotisch sauber geschnitten, perfekt vertont und an alle 222 Facebook-Freunde verschickt ist, reichen 2 Wochen also gerade knapp“…
    Wieviel real-Live steckt in diesem Text, wieviel Wahrheit in der Satire. Die Schweiz, hier, heute, wie sie leibt und lebt.

  2. Gerda Schönholzer sagt:

    Väter, kämpft um eure Rechte. Organisiert eine Grossdemo mit Kinderwagen auf dem Bundesplatz. Geht nach der Geburt eurer Kinder nicht zur Arbeit. Lasst eure Frauen nicht im Stich. Seid solidarisch. Organisiert euch. Wir Frauen haben es euch vorgemacht, z.b. beim Frauenstreiktag, beim Frauenstimmrecht, früher bei der Berufswahl, der Bildung. Heute immer noch beim niedrigen Lohn für gleiche Arbeit. Wir kennen nichts anderes seit es das Patriarchat gibt. Was für euch selbstverstänlich war und ist, ist es für die Frauen weltweit nicht. Ich habe in den Sommerferien im Berneroberland Familien aus Saudiarabien und andern arabischen Ländern gesehen, da gehen die Männer vorab in kurzen Hosen, dann folgt die Frau(en) im Tschador, den Kinderwagen stossend. Es liegt viel im Argen, was die Mehrheit der Menschen angeht. Indem ihr uns helft, helft ihr auch euch!

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