Drei Vorschläge für Bundesrat Schneider-Ammann

Bundesrat Johann Schneider-Ammann beantragt einen Kredit von 150 Millionen Franken für eine digitale Bildungsoffensive. Das liest sich hübsch, bringt aber rein gar nichts. Den Schweizern mangelt es nämlich nicht an digitalen Grundfertigkeiten, sondern an den Grundvoraussetzungen für die digitale Welt. Lesen und Schreiben zum Beispiel. Deshalb: Drei konkrete Vorschläge für Bundesrat Johann Schneider-Ammann.

Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) will im Bundesrat Antrag auf einen Zusatzkredit in der Höhe von 150 Millionen Franken stellen. Das Geld will er in die digitale Grundbildung und Weiterbildung für die 20- bis 50jährigen investieren, wie er gegenüber Rado SRF erklärte.[1] Ziel ist es, die SchweizerInnen fit zu machen für die Herausforderungen der digitalen Wirtschaft. Klingt gut – aber ist es das auch?

Viele Medien haben zwar über den Kreditantrag berichtet, sie haben dabei aber bloss die Schneider-Ammannschen Worthülsen übernommen. Die Rede ist von einer digitalen Bildungsoffensive[2] – nimmt man diesen Ausdruck ernst, reden Bundesrat und Medien also von einer Bildungsoffensive auf digitalen Kanälen. Schneider-Ammann meint aber wohl eine Ausbildung in digitalen Fertigkeiten. Digitale Grundbildung eben. Was könnte er damit meinen?

Mit Apps angefreundet

Dem Dokumentarfilmer Manuel Stagars hat Bundesrat Schneider-Ammann für dessen neuen Dokumentarfilm «Digitale Transformation» bereits im Mai ein ausführliches Interview gegeben. Das Interview ist im Internet abrufbar.[3] Schneider Ammann sagt darin: Man muss jetzt die Menschen animieren, dass sie sich mit der Technologie beschäftigen, dass sie wissen wollen, um was es geht, das sie wissen wollen, was das Handy alles kann, dass sie sich mit Apps anfreunden und dass sie letztlich den Wetterbericht auf einen Klick bekommen und damit familiär sind.

Echt jetzt? Das meint der Bundesrat mit digitaler Grundbildung? Dass die Schweizerinnen und Schweizer den Wetterbericht auf dem Handy abrufen können? Vielleicht sollte jemand dem Bundesrat mal die neusten Zahlen zur Nutzung von Smartphones durchreichen. Laut der Schweizer Interessengemeinschaft elektronische Medien (IGEM)[4] nutzen 72,2 % der Schweizer Bevölkerung regelmässig ein Smartphone. Am höchsten ist die Quote mit 96 % bei den Teenagern, aber auch bei den über 60jährigen ist die Quote mit fast 60 % noch sehr hoch.

Ohne Handy kein Sozialleben

Die Sozialen Medien weisen in der Schweiz ähnlich hohe Nutzerzahlen auf. Laut der Agentur Bernet_PR, die regelmässig die Zahl der Schweizer Facebook-Nutzer erhebt,[5] wies die Schweiz im März 3,72 Millionen aktive Facebook-Nutzer auf. Die Nutzer verteilen sich recht gleichmässig über alle Altersgruppen. Die Zahl der Nutzer ist in den letzten Monaten gesunken. Am stärksten rückläufig sind die Nutzerzahlen bei den Teenagern. Dies nicht etwa deshalb, weil Jugendliche bildschirmabstinent wären – vielen Teenagern ist schlicht das Risiko zu gross geworden, dass sie auf Facebook dem Mami begegnen. Sie weichen deshalb aus auf andere soziale Netzwerke, vor allem auf Instagram und Snapchat.

Die Kommunikation über Smartphone und soziale Netzwerke ist heute für Jugendliche die Grundbedingung, um am sozialen Leben teilnehmen zu können. Etwa ab einem Alter von elf Jahren läuft die Kommunikation unter Peers fast nur noch über das Handy. In der Oberstufe richten die Jugendlichen auf Whatsapp einen Klassenchat ein. Wer in dieser Gruppe eine Whatsapp-Nachricht veröffentlicht, erreicht die ganze Klasse. Selbst Lehrerinnen und Lehrer richten sich per Klassenchat an ihre Schüler. Die Klassenalarmliste gibt es zwar noch, sie wird aber nur noch als Telefonverzeichnis von den Eltern genutzt.[6] Nein, Jugendlichen muss Bundesrat Schneider-Ammann nichts beibringen über Apps und das Handy – und ihren Eltern und ihren Grosseltern auch nicht.

Wo liegt also das Problem in der Schweiz? Welche Faktoren bremsen den Erfolg des Landes im Bereich Digitalisierung? Ich sehe drei konkrete Ansatzpunkte, die allesamt nichts mit den Fertigkeiten beim Bedienen eines Mobiltelefons zu tun haben. Vielleicht sogar im Gegenteil. Hier meine drei Vorschläge für Schub in Sachen Digitalisierung.

1. Lesen fördern

Ja, Sie haben richtig gelesen. Es wird immer wieder vergessen, dass das Internet ein weitgehend literales Medium ist: Es ist buchstabengebunden. Klar hat es heute viele Symbolbildchen, Zeichen und Farben. Wer nicht lesen kann, kommt im Internet, kommt in der digitalen Welt trotzdem nicht über Grundfunktionalitäten hinaus – und programmieren kann ein Analphabet schon gar nicht. Wer die Digitalisierung stärken will, sollte Jugendliche deshalb zuallererst an die Buchstabenwelt heranführen.

Wer es als Jugendlicher nicht schafft, einen dicken Roman zu lesen, einen Text von ein, zwei A4-Seiten zu schreiben oder eine komplizierte Gebrauchsanweisung zu verstehen, hat kein Brot in der digitalen Welt. Damit sind in der Schweiz etwa 20 % der Bevölkerung ausgeschlossen – es sind ausgerechnet jene 20 %, die ohnehin schlechte Chancen haben. Es würde sich deshalb lohnen, vor Tänzen auf der digitalen Bühne das Wandern in der analogen Welt zu lernen. Also: Lesen und Schreiben fördern!

2. Mathematik stärken

Wer Teil der Digitalisierung sein will, also Computer nicht nur bedienen, sondern ihre Anwendung gestalten will, der muss sich mit Logik und mit Mathematik beschäftigen. Genau darin schwächeln aber unsere Schulen. Schon in der Unterstufe haben Logik und Mathematik einen eher schweren Stand. In der Oberstufe lässt sich Mathematik weitgehend abwählen. So wird das nichts mit Silcon Switzerland.

Wenn Bundesrat Schneider-Ammann die Digitalisierung in der Schweiz vorantreiben will, dann muss er etwas für Logik, Mathematik und Informatik machen. Den Kids muss niemand zeigen, wie man mit Handy und Computer die Zeit vertreibt. Es würde aber helfen, sie mit Knacknüssen zu füttern und ihnen zu zeigen, wie man das Hirn an seine Grenzen bringt. Nicht schmerzlos spielerisch und nicht bloss für fünf Minuten. Denn das ist das Paradoxe am Computer: Nur wer seinen Kopf ganz ohne Elektronik zu martern imstande ist, der ist auch in der Lage, zum Treiber der Digitalisierung zu werden.

3. Alternativen entwickeln

Bundesrat Schneider-Ammann sagte laut «Tagesanzeiger»: Es gilt, den Menschen die Angst zu nehmen. Ich glaube nicht, dass die Menschen in der Schweiz noch Angst vor der Digitalisierung haben. Wenn sie Angst haben, dann haben sie Angst vor den Folgen der Digitalisierung: vor Jobverlust, vor dem Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit, vor dem Ausschluss aus der Gesellschaft. Diese Angst kann man den Menschen nicht nehmen, indem man ihnen die Digitalisierung schmackhaft macht. Das ist, wie wenn man einem Pferdekutscher vom Auto schwärmt.

Gegen diese Angst helfen nur Zukunftsperspektiven für jene Menschen, die selbst keine Vorreiter der Digitalisierung sein können. Menschen, die mit ihren Händen arbeiten, auf dem Bau, in der Industrie, im Handwerk. Wir erreichen die Zukunft schneller, wenn wir uns auch um jene kümmern, die über die Vergangenheit nicht hinauskommen. Gut möglich, dass es künftig keine «Pferdekutscher» mehr braucht. Das ist unvermeidbar. Wichtig ist, dass es nur die Funktion der «Pferdekutscher» ist, die wir nicht mehr brauchen, nicht die Menschen, die sie ausüben. Um die Menschen müssen wir uns weiterhin kümmern, wir müssen dafür sorgen, dass es sie und ihre Hände braucht. Sonst wird es auch nichts mit der Digitalisierung.

Quellen

[1] Vgl. http://www.srf.ch/news/schweiz/schneider-ammann-will-geld-fuer-digitale-bildung

[2] Vgl. http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Es-gilt-den-Menschen-die-Angst-zu-nehmen/story/20821581

[3] Vgl. https://www.wbf.admin.ch/wbf/de/home/das-wbf/johann-n-schneider-ammann/interviews0/digitalen-risikobereitschaft.html

[4] Vgl. https://www.igem.ch/digimonitor-studie-mediennutzung/

[5] Vgl. http://bernetblog.ch/2017/04/04/facebook-zahlen-schweiz-minus-5-prozent-kann-die-plattform-noch-wachsen/

[6] Quelle: meine eigene Familie…

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3 Kommentare zu Drei Vorschläge für Bundesrat Schneider-Ammann

  1. Ueli Keller sagt:

    Frühes Fremdsprachenlernen und immer noch genauere Leistungsmessungen? Und jetzt nach der Harmonisierung die Digitalisierung? Wer es wissen will, weiss es: Alles gehupft wie gesprungen! Alles unendlich aufwändig und unbezahlbar teuer! Aber an sich nicht wirklich bildungswirksam! – Hier meine Überlegungen, die an den drei Ansatzpunkten des vortrefflichen Wochenkommentars von Matthias Zehnder anknüpfen: Begriffe wie «Integration» oder «Inklusion» sind in aller Munde. Aber sind sie auch in den Köpfen, Herzen und Händen? Es ist menschlich und professionell sehr anspruchsvoll, mit Vielfalt kreativ und konstruktiv zu leben. Vielfalt ist eine Tatsache und nicht verhandelbar. Sie besteht immer und überall. Erfolg versprechend organisierte Bildung sieht Vielfalt als Reichtum und als Chance. Damit Vielfalt sich entfalten und produktiv sein kann, braucht es einen Rahmen und Strukturen, die uneingeschränkt allen Beteiligten bestmöglich für ihr Leben und Lernen dienen. Wichtig sind dabei teilhaben und teilnehmen können. Substanziell gut organisierte Bildung will und kann mit Vielfalt sowohl bei Schülerinnen und Schülern als auch bei Erwachsenen individuell ausgerichtet so umgehen, dass alle sich mit ihren Stärken und Schwächen konstruktiv für die andern und für sich selber einbringen können, und damit alle ihren individuell bestmöglichen Erfolg erleben.

  2. Thomas Zweidler sagt:

    Kürzlich in der (heissen) SBB-Bahn – a l l e am Smartphone. Keiner im hier und jetzt. Alle in digitaler Utopie. Keiner sieht mehr die Realität. Dass die Zugabschlusstüre offen stand. Das 1/2 Std. eine leere Flasche am Boden durch den Waggon hin und her rollt. Keinen juckts. Auch der 10jährige, mit dem älteren I-Phone (auf das neuste Gold-Modell starrte die „Mutter“) ruhiggestellt. Mich schmerzte diese Stimmung im Eisenbahnwagen. Durch die Verstärkungs-Repeater seitens der SBB (Geräte, welche den Handy-Empfang in den Wagen künstlich intensiver verstärken) und den vielen aktiven Geräten fühlte ich mich nicht nur „gegrillt“, sondern bekam auch Kopfschmerz. Selbstverständlich fiel auch niemandem auf, dass man auf der Strecke Basel-Zürich (via Olten, Aarau, Lenzburg) nur noch ca.2 Min. durch unbebautes Gebiet fährt. Ansonsten: Beton, Strassen, Lagerhallen, Umschlagplätze und Häuserburgen, die wie Kartonschachteln die uferlose Masse der Zuwanderer schlucken. Die Landschaft ist nicht mehr, durchgehende Agglomeration (gewollt) von Basel bis Zürich die aktuelle Lage. Natur findet noch in Parks oder Raumplanungsgebieten statt. Erschreckende Zuwanderungszahlen sauber erklärt und veranschaulicht auf
    https://www.youtube.com/watch?v=VTlJJyUGztU
    Doch scharfe Beobachter unguter Entwicklungen gibt’s eh keine mehr. Lieber guckt man mobil Online-Videos von der grünen Insel Irland, schwärmt von den unverbauten Maeldiven und wähnt sich digital nach Neuseeland; neue Sehnsuchtsziele der Mehrheit unserer Bevölkerung, die man natürlich alle schon aus der trostlosen Schweiz via Jumbo-Jet auf umweltschonende und klimaerwärmende Art mühelos bereist hat. Schlimm, Politiker, welche dauernd ins „Phone“ glubschen, sind verblendet. Noch schlimmer, Wählende die dauernd am Online hängen, alarmieren mich. Ihr Gehirn verblödet wegen Dauerbespassung und – nicht zu unterschätzen – wegen Dauerbestrahlung. Beides Zusammen bringt die Menschheit bestimmt nicht vorwärts. Ein Leserbrief in der BaZ (Papierausgabe) fasste es zusammen:
    «Die Volksrepublik China setzte für ihre Politik der «Ein-Kind-Familie» jahrzehntelang hochfrequente Wellen (Mikrowellen) ein, um die Geburtenregelung zu machen. Heute dauersurfen + telefonieren wir damit.»
    Punkt.

  3. Patrick Gutter sagt:

    Lieber Matthias Zehnder,
    Liebe Leser und Kommentar-Schreiber,
    Was in diesem Beitrag und als Kommentar darunter steht, klingt ja ganz nett. Aber es ist am Problem vorbei gedacht. Die Schweiz braucht gut ausgebildete IT-Fachleute, Software-Entwickler und Programmierer. Um junge Menschen dafür zu begeistern braucht es eine gute Grundbildung in Mathematik. Zudem ist es dringend nötig und überfällig, das Fach Informatik (mit Programmieren) ab der Mittelstufe intensiv zu unterrichten. Es ist allerdings in Ordnung, wenn der Typus gewählt werden kann. Es bringt nichts, Menschen zu etwas zu zwingen, was ihnen nicht liegt und ihnen keine Freude bereitet. Aber alle Technik-Interessierten, naturwissenschaftlich begabten Schüler der naturwissenschaftlichen Richtungen brauchen eine breite Grundbildung in der Informatik. Lesen und Schreiben ist selbstverständlich die Voraussetzung und soll auch gefördert werden. Aber um dem massiven Mangel an Fachkräften in den IT-Branchen zu begegnen, müssen die Jungen fürs Programmieren begeistert werden. Und das lässt sich nur bei denjenigen vollbringen, die entsprechende Grundlagen beherrschen. Eben, das Lesen, Schreiben, Mathe und auch Englisch!
    Die 150 Millionen sind dringend nötig für das Unterrichtsfach Informatik an den Sek-Schulen und Gymnasien. Ich hoffe, dass diese Überfälligkeit nun endlich umgesetzt wird.

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