Die Medien drängen uns in den Meinungssumpf

Blosse Informationen waren gestern: Heute wird gemeint. Und zwar grossflächig. Denn Meinungen bringen mehr Aufmerksamkeit als blosse Informationen. Also berichten die Medien nicht nur, sie werten auch immer mehr. Und zwar nicht erst im Kommentar, sondern schon im Titel. Mit fatalen Folgen. Denn wenn es keine Informationen mehr gibt, sondern nur noch Meinungen, ist nichts mehr sicher, auch die Wissenschaft wird zur blossen Meinung. Willkommen im Meinungssumpf.

Die Schlagzeilen waren heftig. In Berlin regiert das Chaos, titelte etwa die «bzBasel»,[1] nachdem der deutsche FDP-Chef Christian Lindner überraschend die Koalitionsverhandlungen hatte platzen lassen. Andere Zeitungen griffen zu ähnlich Worten. Die Aufmerksamkeit war den Zeitungen sicher – zu Unrecht. In Berlin regiert mitnichten das Chaos. Deutschland hat nach wie vor eine Regierung, auch wenn sie derzeit nur geschäftsführend ist. Der Vorgang, der sich jetzt abspielt, ist im Grundgesetz genau geregelt. Keine Spur von Chaos.

Es ist eines von vielen Beispielen für einen Chaos-Titel, der aus der Luft gegriffen ist. Chaos bedeutet: Auflösung aller Ordnung.[2] Das Wort Chaos ist also extrem. Es signalisiert: Achtung, hinschauen! Da passiert etwas Ungeheuerliches! Es ist damit nicht nur ein Aufmerksamkeitssignal, eine Art verbales Blaulicht, es drückt gleichzeitig aus, dass die Zeitung den Zustand missbilligt. Vom Finanzchaos über das Museums-Chaos bis zum Verkehrschaos – achten Sie mal darauf, wie inflationär das Wort verwendet wird. Meistens ist es heillos übertrieben. Auch wenn ein Stau auf der Autobahn sehr lange ist – ein Stau ist kein Verkehrschaos. Die Ordnung ist ja nicht aufgelöst, bloss der Verkehrsfluss ist gestört.

Von der nüchternen Information zum Meinungssumpf

An Wörtern wie Chaos oder Krise können Sie schon an der Sprachoberfläche erkennen, wie häufig die Medien den Pfad der Information verlassen und in den Sumpf der Meinung eintauchen. Das ist fatal. Medien wandeln sich damit von Informationsquellen zu Beeinflussern, ja zu eigentlichen Meinungsschleudern. Dabei geht es nicht etwa nur um Blätter wie die «BaZ», die sich einer eindeutigen politischen Meinung verschrieben haben. Auch Zeitungen wie die «bzBasel», der «Tages-Anzeiger» oder die «NZZ» operieren immer häufiger mit Meinungen statt mit Tatsachen – ganz zu schweigen von amerikanischen Medien. Sie können den Selbsttest ganz einfach machen: Streichen Sie mal in einem der Blätter wertende Wörter wie Krise oder Chaos an und überlegen Sie sich, ob die Bezeichnungen in dieser Schärfe wirklich richtig sind – und wenn nein, wer denn ein Interesse daran haben könnte, die Zustände so extrem darzustellen.

Warum machen die Medien aus den Finanzproblemen ein Finanzchaos, aus dem Verkehrsstau ein Verkehrschaos und aus einzelnen Problemen gleich eine Krise? Die primäre Motivation ist das Generieren von Aufmerksamkeit. Natürlich hat eine Nachricht über eine Basler Museumskrise grössere Dringlichkeit und zieht eher Aufmerksamkeit auf sich als ein Artikel über einen Fehler in der Administration. Ein Bericht über einen den Morgenstau mit Schnee lockt niemanden hinter dem Ofen hervor. Der Bericht über das Schneechaos wird dagegen angeklickt. Das Problem ist nur: Die Wertungen manipulieren, sie verführen zu Meinungen, wo das so gar nicht berechtigt ist.

Medien werden zu Meinungsschleudern

Das Wort Meinung hat einen doppelten Sinn. Wer etwas meint, hält es für wahr. Er weiss es zwar nicht und glaubt es aber auch nicht nur. Er glaubt, es zu wissen. Der zweite, ursprüngliche Sinn von Meinung steckt heute noch im englischen meaning: Wer danach fragt, was etwas meint, fragt nach dem Sinn. Das bedeutet: Wenn Medien Meinungen verbreiten, wissen sie es nicht besser, sie glauben es nur zu wissen. Indem sie eine Wertung vornehmen, geben sie den Fakten einen Sinn.

Die Meinung, ist also nicht nur die persönliche Ansicht, die persönliche Überzeugung, die Einstellung,[3] es ist auch die Interpretation der Welt. Es gehört zu den Grundregeln des Journalismus, dass Information und Meinung deutlich zu trennen sind. Der Artikel soll die nüchterne Information transportieren, daneben darf der Journalist in einem deutlich als solchen gekennzeichneten Kommentar seine Meinung äussern. Die Idee ist dabei, dass Daten und Interpretation getrennt werden. Diese Trennung zwischen Information und Meinung ist brüchig geworden, ja, sie löst sich immer mehr auf. Medien werden zu Meinungsschleudern.

Meinungen sind billiger als Informationen

Das hat drei Gründe. Den ersten Grund habe ich schon genannt: Es ist der fatale Kampf um Aufmerksamkeit. Wer nüchtern informiert holt auf dem weltweiten Boulevard namens Internet weniger Aufmerksamkeit als ein Schreihals, der seine Meinung ins Web posaunt. Weil sich auch seriöse Zeitungen immer mehr nach den Aufmerksamkeitsregeln des Internets richten, transportieren unsere Medien immer mehr Meinungen statt Informationen. Die Aufmerksamkeitsökonomie fördert den Meinungsjournalismus.

Der zweite Grund sind die Produktionsbedingungen, unter denen viele Medien heute produziert werden. Die Regel bei vielen Zeitungen ist: Pro Mitarbeiter und Tag eine Geschichte. Wenn ein Journalist mehr als einen Tag in einen Artikel investieren kann, gilt das bereits als Recherche oder als Hintergrund. Präziser Informationsjournalismus ist aber aufwändig. Einfacher ist es, mit einer These (also: einer Meinung) zu starten und sich mit ein paar Anrufen diese Meinung bestätigen zu lassen. Achten Sie einmal darauf, wie viele Artikel nicht wirklich auf Tatsachen beruhen, sondern nur auf Meinungen, die Politiker äussern. Kurz: Der Kostendruck fördert den Meinungsjournalismus.

Zerrbild der Wirklichkeit

Der dritte Grund ist der Meinungsdruck aus den sozialen Netzen, der über die Kommentarfunktion in die «normalen» Medien eingebrochen ist. Jede Nachricht wird da zum Beweis für die Unfähigkeit von Regierung und Verwaltung. Vom ruppigen Umgangston und vom Zwang zum Stellungsbezug lassen sich viele Journalisten anstecken. Die Folge sind populistische Medien im ursprünglichen Sinn des Wortes: Medien, die sich bedingungslos auf die Seite des «Volkes» schlagen und auf die da oben, die Eliten, die Classe politique einprügeln. Die Aufmerksamkeit ist solchen Artikeln gewiss – mit fatalen Folgen.

Denn indem sie sich ungehemmt der Meinung verschreiben, vermitteln die Medien nur noch ein Zerrbild der Wirklichkeit. Mit der Zeit löst sich die Wirklichkeit auf. Es gibt keine Tatsachen mehr, nur noch verschiedene Meinungen. Nun könnte man zynisch einwenden, das sei nichts Neues. Es gebe nun mal keine objektive Wirklichkeit, Journalismus sei immer subjektiv. Das hat etwas. Schliesslich ist schon die Wahl eines Themas, die Auswahl des Ausschnitts im Wortsinn willkürlich. Gerade deshalb ist es aber wichtig, dass wir auf eine möglichst verlässliche Abbildung bauen können. Wenn jede Darstellung zur Meinung verkommt, verschwindet mit der Zeit die Wirklichkeit. Alles wird möglich.

Und genau dieser Prozess ist im Gang. Selbst die Wissenschaft wird immer mehr zur möglichen Meinung. Evolution? Genetik? Klimawissenschaft? Immunologie? Alles bloss mögliche Meinungen. Kreationisten, Impfgegner und Klimawandelskeptiker sehen sich auf Augenhöhe mit Universitäten – und sie haben im amerikanischen Präsidenten einen mächtigen Fürsprecher. Gerade die so genannten Qualitätsmedien täten gut daran, sich mit Wertungen zurückzuhalten. Wir brauchen wieder mehr Tatsachen, statt Meinungen (meine Meinung). Also: Weniger Chaos- und Krisentitel, mehr nüchterne Information, auch wenn das Klicks und Aufmerksamkeit kostet. Sonst ernten wir ein Meinungschaos in der Informationskrise.

Basel, 1. Dezember 2017, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

[1] Vgl. https://epaper-service.azmedien.ch/?issueid=25788&pageno=1

[2] Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Chaos

[3] Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Meinung

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3 Kommentare zu Die Medien drängen uns in den Meinungssumpf

  1. Thomas Zweidler sagt:

    Ganz kurz: Der Matthias-Zehnder-Wochenkommentar wird seit einiger Zeit etwas Medienproblematik- und Digitallastig. Dies soll keine Wertung sein, sondern einfach eine Feststellung….
    Und bei Ihren heutigen Zeilen wie:
    „….. ja zu eigentlichen Meinungsschleudern. Dabei geht es nicht etwa nur um Blätter wie die «BaZ», die sich einer eindeutigen politischen Meinung verschrieben haben. Auch Zeitungen wie die «bzBasel»….“
    möchte ich hier und heute auch mal eine Lanze für die „BaZ – Basler Zeitung“ brechen. Sie ist heute eine der profiliertesten Forumszeitungen des Landes. Auch viele eher linkseingestellte (Zeit-) Genossen attestieren durchwegs, die „BaZ“ sei in letzter Zeit wieder besser, meinungsbunter, interessanter, spannender geworden.
    Denken Sie mal, wer dort alles schreibt. Mehr als nur vielfältige Köpfe…
    Eine Grundhaltung ist sicher vorhanden, darf (und muss) auch, denn – und das ist die andere Schiene – ohne „Profil und Meinungen“ (eine weitere „BaZ“-Seite)
    k a u f e n heute und aber auch schon gestern und seit jeher kaum Leser ihr Blatt. Man (ge-)denke an die Basler AZ (SP), das Basler Volksblatt (CVP), an die Basler Nachrichten (FDP, „Bankverein“) oder die Basler National-Zeitung.
    Und, seien wir ehrlich; auch der Matthias-Zehnder-Blog hat eine klare Ausrichtung, eine definierte Weltblickwinkelsicht. Oft nicht meine – aber O.K.
    Deswegen gleich den negativ behafteten Ausdruck „Meinungsschleuder“ (vgl. „Dreckschleuder etc….) in die Diskussion zu werfen, scheint mir ein bisschen zu exzessiv.

  2. Lorenz Egeler sagt:

    Jede Gesellschaft hat die Medien die sie verdient. Dasselbe gilt für Regierungen, Parlamente und Kultur. Unsere Konsumgesellschaft fragt nicht nach dem Sinn des Handelns, wichtig ist der Umsatz und der wird mit allen Mitteln marktschreierisch gefördert. Dieses Marktgeschrei machen sich natürlich auch die Medien zu Nutze. Zeitungen jammern zwar über die Konkurrenz im Netz, machen dort aber ebenso mit, man muss schliesslich dabei sein, beim Mainstream, sonst geht man unter. Da sich jetzt Kreti und Pleti übers Netz verbreiten kann, entwickelt sich auch der Stil der Sprache entsprechend. Wer lauter schreit wird besser gehört. Der Erfolg zB Blochers basiert auf zwei wesentlichen Punkten. Er schert sich um Gesprächskultur, er schwatzt jedem drein und belächelt seine Gegner zynisch. Zum Zweiten hat Blocher verstanden, dass es nebensächlich ist ob man eine gute oder eine schlechte Presse hat. Wesentlich ist, dass man präsent ist. Political Correctness ist zum Schimpfbegriff geworden und leider ist es so, dass die gedruckte Presse, besonders aber das Fernsehen auf diesen Zug aufspringt und durch die Einladung solcher Personen immer wieder Einschaltquoten generiert, nicht der politischen Information zuliebe, sondern der eigenen Werbung. Eine kleine Hilfe könnte es beispielsweise sein, wenn im Netz, auf allen Kanälen, niemand anonym seine Meinung sagen dürfte, also auch angreifbar wäre. Aber, zu einer solchen Selbstzensur wird sich unsere Gesellschaft nicht durchringen, sie sähe sicher die Freiheit bedroht.

  3. Ueli Keller sagt:

    Die Meinungsbewirtschaftung erlebe ich oft so, dass Beachtung finden und Erfolg haben kann, wer bestehende und/oder gewollte Meinungen bestätigt, auch wenn sie nicht Tatsachen entsprechen. Oft erfahre ich es nicht so, dass Menschen wissen wollen, was es über eine Sache zu wissen gibt. Oft aber so, dass Menschen nicht wissen wollen, was sie nicht wissen wollen. Vor allem dann, wenn es ihren Interessen beispielsweise an Geld und/oder Macht zuwiderlaufen könnte. An der Uni habe ich gelernt, Unwahrheiten nicht so zu sagen, dass sie offensichtlich als solche erkannt werden können, aber auch, dass es mit Wahrheiten, die nicht gesagt werden sollen, für eine Karriere schwierig werden kann.

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