Alternative Geschichte für eine bessere Gegenwart

Wieder eine Woche, in der Donald Trump die Weltöffentlichkeit, die Amerikaner, ja sogar die Republikaner entsetzt und verstört hat. Kein Wunder fragen sich viele Menschen, wie die Welt wohl aussähe, wenn nicht Donald Trump, sondern Hillary Clinton gewählt worden wäre. «Was wäre, wenn…»-Fragen sind Gegenstand einer speziellen Form von Geschichtswissenschaft: der «alternativen Geschichte» oder «Uchronie». Bloss: Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Aber die Gegenwart – und damit die Zukunft.

Die Liste der Politiker und Kommentatoren, die daran zweifeln, ob Donald Trump wirklich fit for office ist, wird immer länger. Diese Woche haben unter vielen anderen Ex-Geheimdienstchef James Clapper[1] und Starjournalist Carl Bernstein[2] an Trumps mentaler Gesundheit gezweifelt. Selbst die Börse befürchtet mittlerweile das Schlimmste.[3] Hauptgrund ist die Art und Weise, wie Donald Trump mit den Neo-Nazi-Demonstrationen in Charlottesville umging. Nachdem er sich in der Bewertung der Ereignisse mehrfach widersprochen hatte, griff er in einer Wählerveranstaltung in Phoenix, Arizona, zum verbalen Zweihänder und teilte nach allen Seiten heftig aus.

Sieben von zehn Amerikanern sagen deshalb heute, dass sich Donald Trump nicht so verhält, wie sie das von einem Präsidenten erwarten.[4] So mancher dürfte sich die Frage stellen: Was wäre, wenn Hillary Clinton damals nicht nur mehr Stimmen, sondern auch mehr Elektoren auf ihre Seite gezogen hätte? Wie sähe Amerika unter einer Präsidentin Clinton aus? Was wäre, wenn wir Clinton gewählt hätten?

Alternative Geschichte

«Was wäre, wenn…» – das ist unter Historikern ein beliebtes Gedankenspiel. Wie hätte sich Rom entwickelt, wenn Caesar dem Rat Calpurnias gefolgt und an den Iden des März nicht im Senat erschienen – und also nicht ermordet worden wäre? Wie hätte sich Amerika entwickelt, wenn Lee Harvey Oswald am 22. November 1963 in Dallas danebengeschossen und John F. Kennedy nicht ermordet hätte? Was wäre, wenn im Jahr 2000 Al Gore und nicht George W. Bush amerikanischer Präsident geworden wäre?

Der Schweizer Historiker und Radiojournalist Hans-Peter von Peschke hat zu solchen «Was wäre, wenn…»-Fragen ein äusserst lesenswertes Buch geschrieben. Es ist ein Buch über Alternative Geschichte.[5] Er erzählt in 20 Episoden historic science fiction, was hätte sein können, wenn Caesar nicht ermordet worden wäre, Karl der Kühne die Schlacht bei Murten gewonnen hätte, Trotzki Stalin kaltgestellt hätte und 1940 ein Attentat auf Hitler erfolgreich gewesen wäre. Die Episoden sind nicht nur unterhaltsam zu lesen, sie legen auch die Scharniere der Geschichte offen. «Ernsthafte» Historiker lehnen Alternative Geschichte ab. Doch gut gestellte «Was wäre, wenn…»-Fragen, die auch den Kontext und den Zeitgeist berücksichtigen, können an Wendepunkten der Geschichte, wie von Peschke schriebt, interessante Antworten bieten.

John F. Kennedy bleibt tot

«Was wäre, wenn…»-Fragen haben natürlich einen grossen Makel: Die Antworten sind immer fiktiv. Die Geschichte lässt sich nicht verändern. Die Attentate auf Hitler sind alle gescheitert. John F. Kennedy wurde nun mal ermordet. Donald Trump ist gewählt, das lässt sich nicht ändern. Wir können nur bedauernd zurückblicken und seufzend feststellen: Ach, hätten wir doch…dann wären wir… Diese Form des Selbstmitleids im Rückblick ist zwar verständlich, aber nicht fruchtbar.

Verständlich ist der Rückblick deshalb, weil wir gar nicht anders können, als die Vergangenheit zu betrachten. Denn in die Zukunft sehen können wir ja nicht. In unserem Kulturkreis sind wir es gewohnt, die Zukunft als Weg zu sehen, der sich bis an den Horizont erstreckt. Wir haben die Vergangenheit im Rücken und die Zukunft vor uns. Im Hebräischen (der Bibel) ist es gerade umgekehrt. Da liegt die Vergangenheit vor dem Menschen und die Zukunft liegt in seinem Rücken (acherit).

Wie ein Ruderer

Auf den ersten Blick ist dieses Bild sehr ungewohnt. Was soll das, die Zukunft im Rücken zu haben? Sören Kierkegaard hat dafür das Bild des Ruderers entworfen,[6] der einem Ziel entgegenarbeitet, indem er ihm den Rücken zukehrt. Der Ruderer setzt sich in der Zukunft ein Ziel, in dem er einen Punkt in der «Vergangenheit» anvisiert. Ein schönes Bild. Bloss leider nicht hilfreich.

Natürlich stimmt es, dass wir nicht in die Zukunft sehen können. Dass wir also die Zukunft quasi mit dem Rücken ihr zugewendet in Angriff nehmen. Wenn wir uns mit dem Bild des Ruderers begnügen, besteht die Gefahr, dass wir uns mit den Blicken in die Vergangenheit abfinden. Dass wir uns in «Was wäre, wenn…»-Fragen und Selbstmitleid ergehen – und dabei vor lauter Zurückschauen die nächste Klippe übersehen, die sich unserem Ruderboot im Wasser entgegenstellt.

Wie ein Gondoliere

Nur wer sitzt beim Rudern, kehrt der «Zukunft» den Rücken zu. Stehruderer im Weidling und Gondoliere schauen beim Rudern nach vorne. Nehmen wir uns also ein Vorbild an Stehruderern, stehen wir auf und packen wir die Zukunft an. So verständlich das Jammern über die Wahl von Donald Trump ist – was müssen wir jetzt tun, damit sich ein Donald Trump nicht wiederholt, auch bei uns nicht? So interessant es ist, darüber zu rätseln, was passiert wäre, wenn ein Hitler-Attentat geglückt wäre – die Frage ist doch, was wir hier und heute gegen Rechtsradikalismus, Neonazis und Faschismus unternehmen können! So unglücklich wir alle über den Austritt der Amerikaner aus dem Klimaabkommen sind – es gilt, heute dafür zu sorgen, dass unsere Kinder morgen noch frei atmen können!

Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky zeichnet in seinem neuen Buch Der Wille des Volkes eine düstere «Was wäre, wenn…»-Vision der Schweiz: Was wäre, wenn die Schweiz von einer von einer national-populistischen Partei regiert würde?[7] Bei Lewinsky heisst die Partei «Eidgenössische Demokraten» und sie besetzt gleich sechs Bundesratssitze. Die Partei ist so mächtig, dass sie einen lästigen Journalisten loswerden kann. Das Buch ist deshalb als Krimi angelegt. Beeindruckend ist aber weniger die Krimihandlung, als die dystopische Vision einer rechtsnationalen Schweiz.

Zurückschauen – auf die Gegenwart

Lewinsky schaut nicht voraus. Er karikiert die Zukunft. Wie aber können wir normalen Alltagsruderer mit der Zukunft umgehen? Vielleicht hilft ein Trick. Wenn wir schon so viel besser zurückschauen können als voraus, dann stellen wir uns doch einfach vor, dass wir 20 Jahre in der Zukunft sitzen und auf die Gegenwart zurückschauen. Welche «Was wäre, wenn…»-Frage würden wir in der Zukunft über unsere Gegenwart stellen? Und wie müssten wir die Frage beantworten, dass wir in der Zukunft nicht so jämmerlich über die Gegenwart denken, wie jetzt über die Vergangenheit?

«Was wäre, wenn…»-Fragen sind spannend. Wichtig ist, dass der Kummer über die Vergangenheit uns nicht davon abhält, in der Gegenwart zu handeln. Denn auf die Gegenwart kommt es an. Die Zukunft mag im Nebel liegen, die Vergangenheit mag in Stein gemeisselt sein – in der Gegenwart ist alles möglich. Alles. Auch das Gute. Doch bekanntlich gibt es nichts Gutes, ausser, man tut es.

Basel, 25. August 2017, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

[1] Vgl. http://www.politico.com/story/2017/08/23/james-clapper-trump-arizona-rally-fitness-president-241939

[2] Carl Bernstein hat zusammen mit Bob Woodward die Hintergründe der Watergate-Affäre aufgedeckt. Hier fragt er sich, ob Trump fit for office ist: http://www.huffingtonpost.com/entry/trump-fitness-for-office_us_599d92d6e4b0a296083b76a7

[3] Vgl. http://www.zeit.de/2017/35/kapitalmarkt-usa-wirtschaft-donald-trump

[4] Vgl. http://www.politico.com/story/2017/08/24/trump-poll-president-expectations-241981

[5] Hans-Peter von Peschke: Was wäre wenn. Alternative Geschichte. Theiss, 256 Seiten, 34.50 Franken; ISBN 978-3-8062-3495-4; https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783806234954

[6] Vgl. Sören Kierkegaard, Christliche Reden. 1848, Jena 1929, 65f.

[7] Vgl. Charles Lewinsky: Der Wille des Volkes. Kriminalroman. Nagel & Kimche, 384 Seiten, 34.50 Franken; ISBN 978-3-312-01037-0 https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783312010370

 

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2 Kommentare zu Alternative Geschichte für eine bessere Gegenwart

  1. Ueli Keller sagt:

    Was wäre, wenn sich zwar die Gegenwart individuell gut oder weniger gut meistern lässt, es aber generell gar keine bessere Zukunft geben kann: weil die Menschheit in ihrer Art als Ganzes in ihren Möglichkeiten beschränkt bleibt?

  2. Thomas Zweidler sagt:

    Was wäre wenn Hillary Clinton Präsidentin geworden wäre…. Besser muss man fragen, w a r u m sie n i c h t Präsidentin geworden ist.
    Weil diesmal nicht die grosse New Yorker Drahtzieh-Elite gewann, nicht Hollywood, nicht Frisco, nicht die Global-Maker, nicht die Hochschulen und Professoren, welche den Studenten nach dem Trump-Sieg zwei Tage frei gewährten, damit ihre lieben Kleinen den Sieg verarbeiten können, den Schock verdauen und trauern können, nicht die Wirtschafts-Elite und die Kommentatoren in den Zeitungen….. **also allsamt dort, wo das „wahre Leben stattfindent“**(Ironie off)
    Gewendet hat sich das Blatt (was immer gut ist), weg von der heilen Obama-Clinton-Welt (was sie nie war) hin zur realen Inland-Welt des vergessenen Mannes, der vergessenen Frau. Ein Präsident, der Innenpolitik macht, der für die Inländer schaut, der das Inland schützt, der das Inland hegt und pflegt. Nicht so glanzvoll auf dem internationalen Parkett tanzt und Tipp-Abkommen durchboxt, was den Inländern nichts bringt, weil der ganze Glanz, Ruhm und Profit an ihnen vorbeischwebt.
    Erste Erfolge stellen sich in den Staaten bereits ein. Und Trump wird geliebt. Ob in Indiana, Kentucky, Oklahoma, West Virginia, Mississippi, Alabama, Tennessee, Texas, Wyoming, North Dakota, South Dakota, Nebraska, Kansas, South Carolina, Arkansas, Louisiana, Montana, Missouri, Ohio, Idaho, North Carolina, Utah, Iowa, Florida oder Georgia.
    Er wird nicht geleibt von den Medien, von Matthias Zehnder, von Deutschland, von Macon in France (der aufs Maul sitzen sollte, denn der narzisstische Monsieur mit dem Mutterkomplex ist bereits jetzt unpopulärer als sein Vorgänger Hollande in den ersten 100 Tagen) oder vom Tagesanzeiger in Zürich. Wow!
    Nur, was ist relevanter?
    Ich halte es mit Markus Somm, der dem jetzigen Präsident aktuell zwar eine ungenügende Note gibt, aber sagt: „Trump hat immer noch die Chance, ein grossartiger Präsident zu werden“
    Quelle: Radio 1-Talk vom 21. 8. 2017 mit Roger Schawinski:
    http://www.radio1.ch/de/podcast/roger-gegen-markus–42
    Zurück zum Wochenkommentar-Thema: „Wäre, hätte, würde“: Die Akademiker sagen dazu Konjunktiv (Möglichkeitsform)
    Peer Steinbrück sagt dazu: „Hätte, hätte Fahradkette“
    Zwar alt …….
    (vom letzten Wahlkampf in Deutschland, als dort noch einer stattfand, denn zur Zeit ist alles auf Einheitsmeinung getrimmt, Staatsfunk, Print und Internet – Es findet keine Kritik statt, keine Kontroverse, keine Debatte – alles ist für und auf weitere Merkel-Jahre eingestellt, wehe wer was anderes sagt…. Da war mir der US-Wahlkampf lieber, demokratischer und spannender)
    …….aber immer noch gut….Guckst du hier:
    https://www.youtube.com/watch?v=qt_ppEL7OLI
    Mit „wäre und hätte“ definitiv kein Weiterkommen. Realität und Wahrheit am besten im realen Leben erkennen, bemerken und Blicke dafür schärfen.
    Es gibt immer weniger ungeblendete Beobachter auf dieser Welt.

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