Bildung als Provokation

Bildung ist derzeit eine Art politisches Allheilmittel. Digitalisierung? Migrationsprobleme? Armut? Kein Problem, das sich nicht mit Bildung bekämpfen liesse. Bildung ist also zum Aspirin-Äquivalent der westlichen Politik geworden.

Mit einem seltsamen Begleiteffekt: Während die Forderung nach Bildung omnipräsent geworden ist, sind die Gebildeten, ja jeder ernsthafte Bildungsanspruch zur Provokation geworden. Das ist das Thema des neuen Buchs von Konrad Paul Liessmann. Etwas zynisch formuliert: Nicht das Gebildetsein ist das Ziel der Bildung, sondern Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Kommunikationsbereitschaft oder Innovationsfreude und digitale Fitness natürlich. Der Gebildete verkörpert laut Liessmann all das, was der aktuelle Bildungsdiskurs gerade nicht mehr unter Bildung verstehen will. Dazu gehört ein fundiertes Wissen, ästhetische und literarische Kenntnisse und Erfahrungen, ein differenziertes historisches und sprachliches Bewusstsein, ein kritisches Verhältnis zu sich selbst, eine auf all dem gründende, abwägende Urteilskraft und eine gesteigerte Sensibilität gegenüber Lügen, Übertreibungen, Hypes, Phrasen, Moralisierungen und Plattitüden der Gegenwart. Das Problem: Das alles ist kurzfristig nicht nützlich und lässt sich langfristig nicht in klingende Münze verwandeln. Kurz: Der Gebildete wäre heute eine eigentümliche Erscheinung. Ein spannendes Buch, bei dessen Lektüre man zwischen Heiterkeit und Entsetzen pendelt.

Konrad Paul Liessmann: Bildung als Provokation. Zsolnay, 240 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-552-05824-8

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783552058248

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